von Ana Preočanin, London
Gent, eine der ältesten Städte Belgiens und die historische Hauptstadt Flanderns, war für uns eines der optionalen Reiseziele während der Kulturwoche. Die Stadt verdankt ihre Entstehung den wirtschaftlichen Entwicklungen, die sich im 10. Jahrhundert in Flandern vollzogen, und war im 13. Jahrhundert bereits eine der größten Städte Nordeuropas. Ihr erstaunlicher Wohlstand beruhte auf der Tuchherstellung, und ihre aus englischer Wolle gefertigten Luxustücher waren bis ins 15. Jahrhundert in ganz Europa berühmt. Gent konnte mit den englischen Tuchherstellern nicht konkurrieren, und sein Niedergang wurde durch den Verlust des Zugangs zum Meer über die Mündung der Schelde im Jahr 1648 beschleunigt. Mit dem Bau eines Hafens im Jahr 1827 und der Einführung von Baumwollspinnmaschinen wurden Handel und Industrie wiederbelebt, was dazu führte, dass Gent zum Zentrum der belgischen Textilindustrie wurde. Heute ist Gent eine Stadt voller Kunstschätze und mittelalterlicher Gebäude, umgeben von den ruhigen Gewässern der Flüsse Leie und Schelde, in denen sich die Gebäude mit ihren Stufengiebeln an den Ufern spiegeln. Darüber hinaus beherbergt Gent eine große Universität, und wenn man durch die mittelalterlichen Gassen schlendert, spürt man eine Mischung aus Erhabenheit und Größe sowie dem Trubel und der Energie der Jugend.
Wir begannen unseren Rundgang am Vrijdamarkt, einem Platz mit einer reichen Geschichte: Hier fanden über die Jahrhunderte hinweg Feste statt, und bei den sogenannten „Joyous Entries“ wurden hier königliche Persönlichkeiten offiziell empfangen. Der Platz war jedoch auch Schauplatz von Hinrichtungen. Wir gingen zügig weiter zu den Kais Graslei und Korenlei, die als Ausgangspunkte für die Grachtenrundfahrten dienen. Sie sind gesäumt von den prächtigsten Giebelhäusern der Kaufmannsgilden und Handwerker, die bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen.
Zu den Höhepunkten der Kanalrundfahrt zählten die Sint-Niklasskerk mit ihrem berühmten Turm, die hohen Türme der anderen berühmten Bauwerke Gents, die St.-Bravo-Kathedrale und der Belfried (ein anerkanntes UNESCO-Weltkulturerbe), die rote „Groot Kanon“, „Het Rabot“ und das imposante Gravensteen aus dem 12. Jahrhundert – die Burg der Grafen.
Unsere Tour durch Gent führte uns weiter durch die Altstadt, unter anderem mit einem Zwischenstopp am ehemaligen Hauptpostamt, das 1898 fertiggestellt wurde, aber dank seines neugotischen Stils um Jahrhunderte älter wirkt! Das reich verzierte Gebäude mit einem wunderschönen, 52 Meter hohen Uhrenturm beherbergt heute ein Einkaufszentrum und ein Luxushotel. Wir machten auch Halt am City Pavilion (Stadshal), einem multifunktionalen, offenen Bauwerk, das von den Architekten Robbrecht & Daem/Marie-José Van Hee entworfen wurde. Die Dachkonstruktion und die Verwendung von Beton, Holz und Glas sind sehr auffällig, und seine Lage in der Nähe der Kathedrale ist ein echter Blickfang.
Für viele von uns war der Höhepunkt der Reise die Gelegenheit, die St.-Bravo-Kathedrale und ihren größten Schatz zu besichtigen: das mehrteilige Altarbild aus dem 15. Jahrhundert, „Die Anbetung des mystischen Lammes“, ein Werk der Brüder Hubert und Jan van Eyck.
Gent, eine architektonische Schatzkammer voller mittelalterlicher Geschichte, bot uns einen wahrhaft herrlichen Ausflugstag.


